Gute Seiten, schlechte Seiten

Gute Seiten, schlechte Seiten

Kunst kommt von „können“? Ansichtssache. Und Präsentieren kommt von praesentia. Und das heißt Gegenwart. Eine Präsentation soll also etwas vergegenwärtigen. Und dazu werden gerne Infografiken eingesetzt.

In der großen Welt der Datenkonsolidierung und -reduktion mit dem Ziel einer vereinfachten Aussage führt das durchaus schon mal zu Missverständnissen. Bei Seminaren mache ich mitunter die Erfahrung, dass Mitarbeiter für ihre Vorgesetzten aus einem nennenswerten Datenberg zu einer „Ampel-Aussage“ gelangen sollen. Das heißt, dass mitunter gigantische Datenabzüge aus unterschiedlichen Quellen zu der Aussage „gut“ oder z.B. „schlecht“ führen soll, dargestellt in ROT, GELB oder bestenfalls bzw. wünschenswerterweise GRÜN. Jeder, der schon mal mit dem Problem der Zusammenführung von Daten befasst war, weiß, dass, mal abgesehen von dem Problem der Datenbereinigung, noch weitere „Unwägbarkeiten“ das Ergebnis „beeinflussen“ können. Das gewünschte Ampel-Resultat ist zwar für eine Entscheidungsinstanz nicht gänzlich unverständlich, aber vielleicht doch etwas zu sehr simplifiziert, und genau da lassen sich wunderbar die in Mode gekommenen Infografiken einsetzen.

Bei Infografiken handelt es sich um ein Mittel, auf unterschiedliche und manchmal recht „überraschende Weise“, einen komplexen Sachverhalt einem Laien verständlich zu machen. Die Daten-Verdichtung durch Diagramme ist zweckmäßig, aber häufig langweilig und insbesondere durchaus bestens für Manipulationen geeignet. Infografiken eignen sich durchaus sogar noch besser für Manipulationen, aber im Gegensatz zu Diagrammen und den ewigen Powerpoint-Präsentationen, die seriös daherzukommen versuchen und manchmal schon deshalb für Misstrauen sorgen, ist der „Sinn“ der Darstellung über eine Infografik in ihrer gesamten „Theatralik“ erkennbarer und erreicht somit eine andere Form der Akzeptanz.

Im folgenden möchte ich ein paar Beispiele benennen, die ich nach meinem persönlichen Empfingen für gelungen bzw. weniger gelungen halte.

1. Sehr gelungen:  STOCK-CHECK: http://visual.ly/remaining-oil-gas-coal
Grund: einfach gehalten, schon bei oberflächlichem Hinsehen erschließt sich die Aussage. Einsatz weniger Farben und weniger Symbole. Kein ablenkender Hintergrund. Wenige, deutlich erkennbare Zahlenwerte. Drei kleine integriert Diagramme, zudem eine Weltkarte mit gut erkennbarer Verteilung. Weiterhin Angabe von Quellen am Ende der Grafik

2. Weniger gelungen: EVOLUTION OF SMOKING: http://visual.ly/evolution-smoking
Grund: Zu dicht, unklare Datenlage (keine Quellenangabe), zu sehr überladen mit unterschiedlichen Stilmitteln, unruhige Erscheinung des Gesamtbildes. Ablenkender Hintergrund (sinnfreier Farbverlauf)

3. Ebenfalls weniger gelungen: FACEBOOK-IPO: http://visual.ly/facebook-ipo-0
Grund:  Der Sinn dieser Grafik erschließt sich erst nach mind. zweimaligem Hinsehen. Farbgebung uneinheitlich und unklar (warum zwei Blau-Töne und dann plötzlich lila?). Allerdings gibt es einen Hinweis auf die Datenlage.

4. Ganz anders hingegen hier wieder ein gut gelungenes Beispiel: THE GULF OF MEXICO OIL SPILL:   http://visual.ly/gulf-mexico-oil-spill
Grund: einfach und transparent, Passender farblicher Hintergrund, klar in den Symbolen und der Aussage, auch die Datenquelle wurde nicht vergessen. Kleines Manko: recht kleine Schrift.

5. Ein weiteres interessantes und im Prinzip gut gemachtes Beispiel: COFFEE & CALORIES: http://www.informationisbeautiful.net/visualizations/caffeine-and-calories/
Grund: klare Aufteilung, bedarf  aber einen Moment der Orientierung insbesondere müssen die Skalen erst einmal „entdeckt“ werden. Leider bleibt die Datenlage hier etwas unklar (abgesehen von dem Verweis auf  Hersteller und Vertrieb).

6. Gute Idee, aber…: COLORS IN CULTURES: http://www.informationisbeautiful.net/visualizations/colours-in-cultures/
Grund: interessant gemacht, aber leider keine durchgehende Linienführung. Nachteil: versuchen Sie z.B. mal herauszufinden, welche Farbe in China für peace steht.

7. Immerhin klare Aussage: WENIGE LEISTEN SICH VIEL: http://www.agenda21-treffpunkt.de/archiv/04/10/DWHHkonsum-g.jpg
Grund: Gute gemachte Gegenüberstellung. Aussage ist eindeutig. Datenlage bleibt aber „Vertrauenssache“. Hintergrundfarbe scheint der Sichtbarkeit des Inhaltes geschuldet, grauer Balken steht nicht im Kontext zum Inhalt.

8. Klasse (einer meiner persönlichen „TOPs“): Wirtschalftsdaten sichtbar gemacht: Die Schokolandenseite: http://images.zeit.de/wissen/2009-12/41-infografik-schokolade.pdf
Grund: Schon am Bild sofort erkennbar um was es geht; die „Bruchstücke“ im erkennbaren relativen Verhältnis; keine verwirrenden und unnötiten Elemente in der Grafik; Quellenangabe vorhanden

Und hier die ultimative „Mutter aller Infografiken“ 😉 :

Die Suchtmaschine

Gerade wurde ausgiebig über das Thema Internetsucht debattiert (auch ohne dass dieser Begriff  genauer definiert oder wissenschaftlich hinreichend beleuchtet wurde). Bei Twitter wurden dazu im Sekundentakt Tweets veröffentlicht. Jetzt ist die Suchtmachine Google 10 Jahre alt geworden und es zeigt sich, dass eine seinerzeit als „nicht unbedingt erforderlich“  eingeschätzte Maschine (schließlich gab es ja bereits einige große Suchmaschinen) nicht nur den Such-Markt, sondern „den Markt an sich“ beherrscht.

Unter SEO kann folgendes verstanden werden: WIE gestalte und optimiere ich meinen Internetauftritt derart, dass die Firma Google Suchergebnisse an den Anwender so zurückgibt, dass die Wahrscheindlichkeit, dass „meine“ Seite dabei auf der ersten Google-Seite der Suchergebnisse erscheint, möglichst hoch ausfällt.

die Suchtmaschine 😀

Google befragte den Angaben zufolge 11.000 Unternehmen, wie sie die Dienst nutzen. Dem Ergebnis scheint entnommen werden zu können, dass das Marketing-A&O die genannte Optimierungsmethode gewidmet zu sein scheint, einschließlich Adwords, Analytics & Co.  „Was die Googlesuche nicht auf der ersten Seite ausspuckt, findet im Internet nicht statt“ [Zitat ZDF].

Kann das aber alles sein? Zitat von Joachim Graf zum Thema SEO-Märchen
(Search-Engine-Milchmädchenrechnung): “ Schließlich bringe nicht jeder Euro, der in Google-Suchwortanzeigen gesteckt wird, automatisch Ertrag – geschweige denn zwölf Euro. “ … „Der Umsatz geht hoch, aber der Gewinn nicht. Suchmaschinen-Optimierung ist eine immer komplexer werdende Materie. Das kann man immer weniger mal nebenbei machen. Die TV-Werbebudgets planen ja auch in der Regel Menschen, die wissen was sie tun.“

Sich derart auf die Virtualität zu verlassen, scheint mir etwas zu „gläubig“, wenngleich natürlich nicht unterschätzt werden darf, dass sich tatsächlich sehr viel zum Thema Informationsbeschaffung (BESCHAFFUNG!) auf das Internet verlagert hat. Aber existiert wirklich eine derart weit verbreitete und teilreflektierte Grundgläubigkeit, dass auf diese Weise(n) Kunden und das Kundenvertrauen(!) an die SEO-Optimisten  verkauft werden kann? Nicht jedes Unternehmen ist ein Reisebüro (Focus: Jeder fünfte Deutsche buchte im Internet) und hieß es nicht kürzlich noch „frag nicht Google, frage Deine Freunde“ (wobei hier die belanglosen Kontakte von Facebook gemeint waren)?.

Interessanterweise haben sich übrigens in den letzten Jahren dennoch einige Unternehmen von der Online- in die Offline-Welt gewagt (und im Einzelfall gewonnen).

Zum Thema „Informationsbeschaffung“ sei an dieser Stelle übrigens folgender Beitrag vom Deutschlandfunk empfohlen: Internetbildung oder: Vom Verlust der Übersicht (verbunden mit dem Hinweis, dass der Autor nicht ausnahmslos mit der in dem Beitrag zu Ausdruck gebrachten Meinung übereinstimmt, da in dem Beitrag m.E. zu sehr davon ausgegangen wird, dass Information und Bildung nahezu ausschließlich auf das Internet und Suchmaschinen beschränkt wird)